TUUM PRIMARY SCHOOL: UN PROYECTO ESPAÑOL EN EL NORTE DE KENIA
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NOMBRES DE PERSONAS QUE CONTRIBUYERON A LA CONSTRUCCIÓN DE LA ESCUELA,ELIMINADOS POR ORDEN DE MICHAEL HOPF
SOME OF THE DONOR´S NAMES THAT WERE ERASED ON BEHALF OF MICHAEL HOPF´S COMMAND
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Ein Spaziergang im Dschungel Luis del Palacio

Gewidmet meinem Freund Basu, der mich auf so vielen Spaziergängen begleitete.




Shankar Tiwari klopfte leise an die Türe meines “Bungalows”. Ohne auf die Uhr zu sehen wusste ich, dass es Punkt drei Uhr nachmittags sein musste. Seine Pünktlichkeit war ein Zeichen seines Respektes mir gegenüber und ich erwiderte diesen, indem ich ihn, für unseren Ausflug leicht und farblich unauffällig gekleidet, erwartete : Zu dunkelgrünen Pyjamahosen trug ich ein braunes Hemd. Im Dschungel ist es nicht ratsam, durch leuchtende Farben unnötig die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Abgesehen von einer Feldflasche mit Wasser brauchte ich nichts weiter, und so konnten wir sofort aufbrechen.

Mein Führer war ein sympathischer und intelligenter Brahmane, dessen Erfahrung ihn gelehrt hatte, mit lautlosen Schritten durch den Dschungel zu gleiten. Ich hatte ihn bereits kurz nach meiner Ankunft in Sauraha, einem Dorf am Rande des Chitwan Nationalparks von Nepal, kennengelernt, und aus dieser Bekanntschaft sollte später eine echte Freundschaft werden. Nachdem ich zwei Jahre zuvor das Glück gehabt hatte, einen Tiger in freier Wildbahn zu fotografieren, beseelte mich dieses Jahr der Wunsch nach einer Wiederholung dieser einzigartigen Begegnung. Nach mehr als drei Wochen geduldiger aber erfolgloser Suche hatte ich die Hoffnung jedoch fast völlig aufgegeben, dass es mir dieses Jahr erneut gelingen sollte.
Die Begegnung vor zwei Jahren hatte sich zugetragen, als wir uns auf der Rückfahrt von einem Besuch der experimentellen Aufzuchtfarm für vom Aussterben bedrohte Reptilien, dem so genannten Gharial Project, zum Dorf Sauraha befanden : Die schlanke Raubkatze lag nur wenige Meter von unserem Geländewagen entfernt mitten auf dem Weg ausgestreckt und schlief. Der Fahrer des Jeeps machte sofort den Motor aus und während dreier langer Minuten konnten wir sechs Passagiere ihn fotografieren. Als der Tiger uns schliesslich bemerkte, erhob er sich langsam und träge und gähnte genau so ausgiebig, wie es die Katze unserer Grossmutter getan hätte. Anschliessend liess er uns nicht aus den Augen, während er langsam den Weg in Richtung auf dichtes Buschwerk überquerte, wobei sein Gesichtsausdruck jedoch keineswegs drohend sondern vielmehr neugierig wirkte. Bevor er dann ins Unterholz eintauchte, warf er uns, so als wollte er sich verabschieden, noch einen letzten Blick zu.

Den ganzen restlichen Teil der Fahrt verbrachten wir schweigend. Nach diesem Erlebnis wagte keiner es, das leise Rascheln der Blätter, die von einer seichten frühabendlichen Brise bewegt wurden oder die anderen mannigfachen Geräusche des Dschungels, die bei zunehmender Dämmerung immer intensiver wurden, zu stören. Der Dschungel ist ein Ort unzähliger nächtlicher Kreaturen.

Wie an vielen anderen Nachmittagen beginnen Skankar und ich den Spaziergang, indem wir einem Weg folgen, der die “Bungalowkolonie” mit dem Elephant Breeding Centre ( Elefanten-Aufzuchtstation ) verbindet, welches traditionell die Grenze zum Dschungel markiert. Wir brauchen etwa 45 Minten für diesen Weg, der auch ein Tarudorf durchquert.






Dort betrachten uns die halbnackten Kinder mit Neugierde. Einige nähern sich uns, um Bonbons oder ein Baksheesh zu erbitten. Ich aber überrasche sie mit dem Verteilen von Luftballons. Ab und zu überholt uns ein Ochsenkarren oder ein altes Fahrrad, dessen Fahrer geschickt den Steinen, Pfützen, Hunden und Hühnern ausweicht. Am meisten bewundere ich jedoch, wenn uns ein Fahrrad passiert, auf dem eine komplette Familie unterwegs ist: Die Frau sitzt hinten oder quer auf der Stange und hält völlig entspannt ein Kind auf dem Schoß.

Fast alle Frauen tragen Saris, welche aus einem 4 bis 5 Meter langen und 70 cm breiten Stück Stoff bestehen, der mit kunstvollen Knoten, einer strengen Reihenfolge gehorchend, um den Körper drapiert wird, in etwa vergleichbar dem Ritual des Krawatten Bindens. Der Sari ist zweifellos ein sehr elegantes Kleidungsstück, welches die weiblichen Formen nur diskret andeutet. Seine leuchtenden Rot- , Rosa-, Grün- und Blautöne wetteifern mit dem leuchtenden Gelb der Senffelder und dem strahlenden Blau des Himmels. Immer wieder aufs Neue verwundert mich, dass die Saris stets so wirken, als würden sie zum ersten Mal getragen, wobei es keine Rolle spielt, ob sie bei der Feldarbeit getragen werden oder bei der Wanderung über Wege voller stinkender Bäche, Büffelexkremente und Staub. Es ist praktisch unmöglich, einen schmutzigen oder schäbigen Sari zu sehen.

Kurz vor 4 erreichen wir dann, nachdem wir einen seichten Arm des Flusses Kapti durchquert haben, die Elefanten- Aufzuchtstation. Sie besteht aus einem kleinen Holzbarackendorf, in dem die Pfleger wohnen, die sich um die Zähmung der Jungelefanten kümmern. Nach einigen Jahren geduldigen Zähmens werden diese dann für verschiedene Arbeiten eingesetzt, hauptsächlich als Lasttiere oder um auf ihren Rücken die wenigen Touristen zu transportieren, die zwischen Oktober und April hier ab und zu auftauchen.

Als wir das winzige Dörfchen durchqueren, das aus höchstens 12 Häuschen besteht, mustern die Elefanten uns mit ihren neugierigen und intelligenten Äuglein. Insgesamt gibt es etwa 20 Elefanten unterschiedlichen Alters, welche mit je einem Fuß an einen anderen Baum angekettet sind. Sie wirken sehr ruhig und fast könnte man sagen glücklich. Während einige im Schatten der schlanken Salbäume dösen, fressen andere Grasbüschel, die ihnen ihre Pfleger hingelegt haben. Vereinzelt verjagt ein Elefant Fliegen, indem er sich mit dem Rüssel Sand über den Rücken pustet.

Einer der schönsten Momente dieses Nachmittags ist das Spielen mit einem kleinen Elefanten, der nach seiner Größe zu urteilen nicht mehr als höchstens 4 oder 5 Monate alt ist. Er wird beim Spielen ununterbrochen von seiner Mutter beobachtet, einer jungen Elefantenkuh, die eine große Geduld im Umgang mit ihrem unartigen Kälbchen beweist.
Dem Kleinen bereitet es das größte Vergnügen, mit seinem Rüssel die Arme derjenigen Besucher zu umschlingen, die sich ihm zur Begrüßung nähern. Sich aus dieser Umschlingung zu befreien ist gar nicht so einfach, denn die Kraft dieses „Kindes“ von mehr als 300 kg Gewicht entspricht laut Shankar der von etwa 6 Männern. Ist es mir gelungen, meinen Arm zu befreien, geht der kleine Elefant rückwärts, schwingt dann schaukelnd von einem Bein auf das andere bevor er sich mir wieder mit hoch erhobenem Rüssel nähert, um damit erneut meinen Arm zu umschlingen.

Ich weiß nicht, ob mein Freund und Führer ungeduldig wurde und mich deshalb hochnahm – die orientalische Höflichkeit verbietet es, sehr direkt zu sein – jedenfalls führte sein halb scherzhafter, halb ernst gemeinter Kommentar dann zu einem abrupten Ende des unterhaltsamen Spiels: „Bist du dir eigentlich im Klaren darüber, dass er dir, wenn er es wollte, den Arm abreißen könnte?“

Der Anfang unserer Wanderung durch den Dschungel ist so wenig spektakulär wie eine Wanderung durch einen dichten europäischen Wald. Die Wege, welche ein Dorf mit dem nächsten verbinden , sind ziemlich viel begangen und es ist nichts Ungewöhnliches, kleinen Gruppen von Männern zu begegnen, die von der Arbeit an einem tiefer im Dschungel gelegenen Ort zurückkehren oder Gruppen von nicht mehr als 5 oder 6 Frauen zu treffen, die auf ihren Köpfen das Holz balancieren, mit welchem sie Zuhause ihre Tandoori Öfen anfeuern werden. Häufig kommen uns auch Kinder entgegen, die nach der Schule nach Hause gehen. Wenn wir jedoch aufmerksamer beobachten wird uns schnell klar, wie exotisch diese Begegnungen mit den Menschen der Umgebung sind. (Natürlich sind für sie wir die Exoten ). Und spätestens, wenn wir dann die Ohren spitzen und die unzähligen Geräusche des Waldes in uns aufnehmen, besteht kein Zweifel mehr, dass diese vermeintliche Ähnlichkeit mit europäischen Wäldern lediglich auf den ersten Blick besteht. Die enorme Zahl unterschiedlicher Pflanzen weist auf die extreme Fruchtbarkeit des subtropischen Regenwaldes hin, und auch diverse andere Details wie z.B. die großen Haufen von Exkrementen, mit denen Nashörner ihr Territorium markieren oder die vereinzelten Tiger- und Leopardenspuren im Schlamm sorgen schnell dafür, dass die Täuschung einer beschaulichen Wanderung durch heimische Flora verschwindet. Der Nachmittag mit seiner erfrischenden Brise, die verschiedene Düfte und ein unsere Sinne verzauberndes Gemurmel des Dschungels zu uns herüberträgt, kann uns nicht vergessen lassen, dass viele Augen, die für uns unsichtbar bleiben, jede einzelne unserer Bewegungen aufmerksam verfolgen.

Seit wir die Elefanten- Aufzuchtstation verlassen haben, sind 20 Minuten vergangen. Wir gehen zügig einen Weg entlang, der über eine große Lichtung führt, die von den Baumkronen in der Nähe überschattet wird. Aus einiger Entfernung nähert sich uns ein Mann. Als sich unsere Wege kreuzen bleibt Shankar stehen, und nach der obligatorischen Begrüßung Namaste! beginnen sie sich zu unterhalten. Der Nepalese ist etwa 40 bis 45 Jahre alt, sehr dünn und fast zahnlos mit humorvollen Augen, die mir immer wieder neugierige Blicke zuwerfen. Er ist kein Taru sondern Hindu, so dass ich, wenn ich mich anstrenge, einige Sätze verstehen kann, deren Inhalt, zusammen mit dem, was mir mein Begleiter anschließend erklärt, folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Etwa vor 2 Stunden hatte der Mann eine kleine Gruppe weißer Männer getroffen, die, begleitet von einem Führer, versuchten, eine Nashornkuh mit ihrem Jungen zu fotografieren. Dies ist stets ein gefährliches Unterfangen, da Nashörner sehr misstrauische Tiere sind, besonders, wenn sie ein Junges bei sich haben. Rhinozerosse sehen zwar schlecht, ihr Gehör und der Geruchssinn sind dafür aber um so besser ausgebildet. Wenn sie einen angreifen, ist es das Sicherste zu versuchen, auf einen Baum zu flüchten. Erweist sich dies als unmöglich, sollte man hinter einem Baum mit dickem Stamm Zuflucht suchen. Aufgrund ihrer Massigkeit sind Nashörner im Galopp sehr ungeschickt und nicht in der Lage, scharfe Kurven zu nehmen. Das ist natürlich alles nur Theorie und das beste ist es, gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, eine dieser Methoden ausprobieren zu müssen.

Von diesen Nachrichten animiert setzen wir unsere Wanderung fort. Shankar Tiwari hat mir nie erklärt, warum er plötzlich beschloss, den Hauptweg zu verlassen, um einen nur schwer auszumachenden Pfad zu nehmen, der nach rechts abzweigte. Ich protestierte allerdings genau so wenig, sondern folgte ihm vielmehr so vertrauensvoll wie ein Kind seinem Vater folgt, der ihm einen neuen Heimweg zeigen möchte.

Der Pfad führt immer tiefer in mit Büschen und Dornengesträuch dicht bewachsenen Urwald. Nach dem Monsun hat das Gras hier eine Höhe von über zwei Metern erreicht, und bis die Bewohner Saurahas und anderer Dörfer der Gegend es im Februar schneiden, um es an ihre Tiere zu verfüttern, verbirgt eine dichte grüne Matte fast alles vor den Augen des Wanderers. Ein Tiger oder Bär könnte sich drei Meter entfernt von uns im Gras versteckt halten, ohne dass wir ihn bemerken würden. „Shankar, du bist verrückt!“ denke ich. Als ob er meine Gedanken gehört hätte, dreht er sich plötzlich mit amüsiertem Gesichtsausdruck zu mir um: „Mach’ nicht so viel Lärm“ murmelt er leise. Wir setzen mehrere Minuten lang schweigend unseren Weg fort. Schließlich kommen wir an eine Stelle, an der die Vegetation weniger dicht ist. Als wir uns einer Gruppe junger Bäume nähern, bleibt mein Freund plötzlich abrupt stehen, während er mir gleichzeitig ein Zeichen macht, es ihm gleichzutun. Es kommt mir nicht in den Sinn zu fragen, was denn los sei. Seine Augen starren ins Leere. Dafür arbeiten seine Nase und Ohren um so intensiver... „Da ist ein Nashorn...sehr nah...Es frisst gerade...Schnell!“ ruft er, fast ohne die Stimme zu dämpfen, indem er losläuft. In Bruchteilen von Sekunden bin ich ihm bereits auf den Fersen, gegen Äste stoßend und generell all den Lärm verursachend, den ich gerne vermieden hätte. Plötzlich bleibt Shankar erneut abrupt stehen und ich folge ihm so dicht, dass ich nicht mehr ausweichen kann und ihm einen solchen Stoß versetze, dass er um ein Haar gestürzt wäre. Sein Gesicht zeigt extreme Anspannung. Erneut starren seine Augen ins Leere... . Es vergehen zwei endlose Minuten, vielleicht drei. Die leichte Brise, die durch die Büsche streicht, lässt den Schweiß, der meine Kleidung unangenehm an meinem Körper kleben lässt, kalt werden. Keinen Augenblick lasse ich Shankars Gesicht aus den Augen, das weiter angespannt jedoch gleichzeitig seltsam ausdruckslos wirkt. Zwei dicke Schweißtropfen laufen mir über die Stirn bis zu den Augenlidern und dann in die Augen. Mein Gefährte und ich lauschen mit äußerster Konzentration. Mir ist allerdings bewusst, dass er mit seinem feinen Gehörsinn in der Lage ist, auch noch Geräusche zu erfassen, die ich nicht im entferntesten wahrnehmen kann. Auch sein Geruchsinn ist überaus scharf : Wenn der Wind in unsere Richtung weht, kann der junge Brahmane eine ganze Palette an Geruchs- und Höreindrücken unterscheiden, wobei er nicht nur bestimmen kann, was für ein Tier sich in der Nähe befindet, sondern auch die Distanz zu uns kalkulieren und sogar das Geschlecht identifizieren. Der Geruch des Männchens, sei es ein Bär, ein Tiger, ein Nashorn oder ein Leopard scheint schärfer und penetranter zu sein als der eines Weibchens.

Shankar ist gerade dabei, mir mithilfe von Zeichen begreiflich zu machen, dass ich ihm so schnell wie möglich zu einigen Bäumen, die sich zu unserer Rechten befinden, folgen soll, als plötzlich ein lautes Schnauben ganz in unserer Nähe ein schnelles Handeln erfordert : Wir rennen los, und die Angst verleiht uns Flügel, derweil unsere Augen starr auf eine Gruppe von Sandelholzbäumen gerichtet sind, welche die einzige Rettung davor sein könnten, von der unsichtbaren Bestie, die uns verfolgt, tot getrampelt zu werden. Instinktiv vermeide ich es, mich umzudrehen. Später erinnere ich mich daran, dass man mir auch geraten hatte, dies niemals zu tun : Der Schock, den der Anblick dieser einen verfolgenden Masse Tier erzeugt, könnte einen für alles entscheidende Sekunden lähmen. Außerdem ist so mehr als einer das letzte Mal in seinem Leben an einer Wurzel hängen geblieben oder über einen Stein gestolpert.

Als wir an der Baumgruppe ankommen, schreit Shankar: „Kletter rauf, schnell!“ Nun wird mir klar, dass sein Plan bis zu diesem Augenblick war, weiter geradeaus zu flüchten, um einen kleinen Fluss zu durchqueren, der von einer dichten Barriere von Büschen abgeschirmt wird. Uns hier zu folgen wäre für ein Nashorn sehr schwierig gewesen. Aber etwas Unerwartetes hat Shankars Pläne durchkreuzt.

Darwin hatte sicherlich nicht die Degeneration der Art gemeint, als er die Abstammung des Menschen vom Affen proklamierte. Ein Langur beobachtet uns neugierig von etwa 10 Metern über unseren Köpfen herab.Von diesem erhöhten Beobachtungsposten aus sieht er die folgende Szene: Zu unserer Linken, in einer Entfernung von weniger als 30 Metern von unserem Baum aus, befindet sich das erste Nashorn, welches grosse Mengen Gras verschlingt. Nicht weit von diesem entfernt steht ein weiteres Nashorn, offensichtlich sehr aufgeregt, den Kopf hoch erhoben, seine Schweinsörchen in Richtung des Lärms gespitzt, den wir gerade noch verursacht haben. Sehr nah von diesen beiden zwei ängstliche Kreaturen, die in prekärer Unbequemlichkeit in zwei benachbarten Bäumen Zuflucht gefunden haben. Aber was – unseren Blicken verborgen – nur die schwarzen Äuglein des Languren von seiner erhöhten Position aus sehen: Ein drittes Nashorn badet gemütlich im kleinen Fluss, den wir gerade noch durchqueren wollten! Die Idee, auf den Baum zu klettern, hat uns gerettet! Hätten wir es nicht getan, hätten wir uns unvermittelt Auge in Auge mit dem badenden Artgenossen unseres Verfolgers wiedergefunden, der bewegungslos im Fluss schläft. Erneut muss ich erkennen, wie unangepasst wir Menschen der westlichen Zivilisation an diese Natur und wie hilflos wir angesichts der Gefahren sind, die allenthalben hier auf uns lauern. Ich hätte, ohne weiter zu überlegen, den Fluss durchquert, überzeugt, am anderen Ufer dann in Sicherheit zu sein. Nicht einen Augenblick wäre es mir in den Sinn gekommen, dass ich wohl nie dieses rettende Ufer erreicht hätte.

Mein rechter Fuss ist in einer Astgabel eingeklemmt. Das linke Bein habe ich angewinkelt und mit ihm stütze ich mich gegen einen gegenüberliegenden Ast, so dass der linke Fuss in der Luft hängt. Meinen linken Arm habe ich um einen weiteren Ast geschlungen. Die Situation meines Führers ist nicht besser: Er ist auf einen benachbarten Baum geklettert und befindet sich etwa einen Meter höher als ich. Auch er kann nicht die ganze Szenerie sehen, die sich dem Languren darbietet.Doch er beobachtet etwas, was für ihn auf die Existenz eines dritten Nashorns und dessen Position hindeutet: Shankar siehrt einen weiss-gefiederten Vogel, der, wie es den Anschein hat, über das stille dunkle Wasser schreitet. Die Dunkelheit der umgebenden Vegetation verbietet es ihm zu sehen, auf was für einer Oberfläche sich der Vogel da bewegt und auf welche er ab und zu mit seinem Schnabel pickt. Das ist aber auch nicht nötig. Selbst ich weiss von der eigentümlichen Freundschaft, die zwischen diesen Vögeln und einigen grossen Säugetieren besteht und die natürlich auf dem gegenseitigen Nutzen beruht, den sie beiden Arten bringt: Der Vogel jagt Insekten und blutsaugende Schmarotzer, die sich auf dem Rücken des Nashorns befinden, und dies ermöglicht es Shankar, die Anwesenheit und Position des Rhinozerosses zu erkennen. Vom rettenden gegenüberliegenden Ufer abgeschnitten bleibt uns nun nichts anderes übrig, als zu warte. Der Langur bleibt noch eine Weile af seinem unterhaltsamen Beobachtungsposten, den er dann schliesslich nach weiteren 20 Minuten aufgibt und im dichten Blätterwald verschwindet. Diese Zeit braucht auch mein rechtes Bein, um bis oben zum Becken komplett einzuschlafen. Ich werfe einen besorgten Blick auf meinen anderen Anker in diesem Baum, den rechten Arm. Zu meiner Beruhigung zeigt dieser noch keine vergleichbaren Ermüdungserscheinungen. Doch da zieht etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich: Zu meinem Schrecken sehe ich, dass mein Arm die Strasse einer Kolonie roter Ameisen unterbrochen hat. Diese haben einfach beschlossen, statt um das Hindernis herum einfach über dieses hinweg zu klettern.
Plötzlich vernehme ich das charakteristischeGeräusch eines schweren Körpers, der aus dem Wasser steigt und welches mich augenblicklich alle anderen kleinen Unannehmlichkeiten physischer Natur vergessen lässt: Das schlafende Nashorn ist soeben aus seiner Siesta erwacht und wendet uns zwar den Rücken zu, seinen Kopf jedoch hat es halb in unsere Richtung gedreht. Trotz des geringen Lichts erkenne ich deutlich das massige Hinterteil und sein Horn im Profil. Mir scheint, es orientiere seine spitzen Öhrchen in unsere Richtung und ich mache deutlich den Vogel aus, der ungestört weiter Insekten vom Rücken seines Wirtes pickt. Offensichtlich hat das Nashorn uns gehört oder gewittert und versucht nun, unsere genaue Position zu orten. Shankar beobachtet es einen Augenblick und dreht dann den Kopf in die Richtung, in der sich die beiden anderen Nashörner befinden. Er hört etwas, und ich glaube zu wissen, was es ist : Das erste der beiden Tiere scheint sich langsam zu entfernen. Tatsächlich! Seine Huftritte und das Geräusch der knackenden Büsche, die es auf seinem Weg zertrampelt, hört man aus immer weiterer Entfernung. Aber was ist mit dem zweiten Nashorn?
Sein Schnaufen ist nicht mehr zu hören , gerade so, als habe es sich in Luft aufgelöst.
Abwechselnd beobachte ich meinen Begleiter und das Nashorn im Fluss. Dieses scheint uns vergessen zu haben. Nachdem es sich davon überzeugt hat, dass wir keine Bedrohung für es darstellen, hat es langsam den Rückzug angetreten und lässt die Teka- und Sandelholzbäume, die unserem Sichtschutz dienten, immer weiter hinter sich. Endlich bedeutet mir Shankar mit einem Handzeichen, was ich schon länger erhofft und gleichzeitig gefürchtet habe: Ich soll vom Baum hinunter klettern, aber, wie er leise hinzufügt, „ohne Lärm zu machen!“
Das Hinunter Klettern bewerkstellige ich mehr oder weniger behende. Als ich jedoch den Boden erreiche, bemerke ich, dass meine Beine, besonders das linke, sich wie Gummi anfühlen. Aber mir bleibt keine Zeit, mich zu regenerieren. Sobald der agile Brahmane sich an meiner Seite befindet, deutet er mit dem Zeigefinger auf den kaum erkennbaren Pfad, auf dem wir hierher gekommen sind und sagt leise „Lauf! Mir nach! Dies ist schon die dritte Flucht dieses Nachmittags. Was sie jedoch von der zweiten unterscheidet ist, dass es jetzt nicht darum geht, die Äste eines Baumes zu erklimmen, sondern darum, den Hauptweg zu erreichen.
Der Pfad führt uns durch ein Labyrinth von Bäumen, Lianen, Büschen und über Kopf hohem Gras. Die frenetische Flucht dauert jedoch nur kurz. Plötzlich bleibt Shankar Tiwari stehen um zu lauschen und ich tue es ihm gleich, ohne jedoch genau zu wissen, worauf ich lauschen soll. Mit einigen unmissverständlichen Zeichen informiert er mich, dass das zweite Nashorn sich in unmttelbarer Nähe befindet. Ich komme zu dem Schluss, dass der einzige Grund dafür, dass es noch nicht beschlossen hat, uns anzugreifen darin legt, dass der Wind in unsere Richtung weht, so dass es uns noch nicht eindeutig lokalisieren kann. Doch plötzlich gibt es dann keinen Zweifel mehr. Ich spüre, wie der Boden unter menen Füssen erzittert. Man hört das dumpfe Geräusch galoppierender Hufe und splitterndes Holz: Äste, Büsche, Baumrinde, Wurzeln, Dornen, alles, was von den Hufen des heran stürmenden Tieres zertrampelt wird. Die erneute Flucht wird vielleicht unsere letzte in diesem Leben sein…Stoffstücke meiner Pyjamahose verfangen sich in den Dornen der Büsche, die uns Arme und Beine zerkratzen. Am meisten in Mitleidenschaft gezogen werden jedoch unsere Hände. Mit ihnen schlagen wir nicht nur Äste und Brennesseln zur Seite, sondern mit ihnen schützen wir auch unser Gesicht und besonders unsere Augen vor den scharfen Dornen.
Wir bemerken zunächst gar nicht, als wir schliesslich nicht mehr weiter verfolgt werden, und setzen unsere Flucht noch mehrere Minuten fort. Schliesslich ist die Vegetation nicht mehr so dicht und einige Augenblicke später erreichen wir eine Waldlichtung und wenig später dann den Hauptweg.

Während ich diese Zeilen schreibe weiss ich noch immer nicht, warum wir vom Hauptweg abbogen um uns in dieses dichte grüne Labyrinth vorzuwagen, aus dem wir fast nicht mehr lebend herausgekommen wären. Das hartnäckige Schweigen meines Freundes diesbezüglich verleitet mich zu der Annahme, dass es sich vielleicht um einen Scherz handelte, der dann etwas ausser Kontrolle geriet. Eines ist jedenfalls klar : Der Umstand, dass wir schliesslich nicht von einem der Nashörner zu Tode getrampelt wurden, ist weniger unser eigenes Verdienst als vielmehr dem Zufall zu verdanken. Vermutlich handelte es sich bei dem zweiten Nashorn, das die ganze Zeit über eine solche Bedrohung für uns darstellte um kein anderes als die Nashornkuh mit ihrem Kalb, von der uns der zahnlose Nepalese berichtet hatte. Nur so lässt sich ihr plötzlicher Rückzug erklären. Niemals hätte sie sich von ihrem Jungen länger als unbedingt notwendig entfernt.

Am Abend jenes Tages hatte mich Shankar Tiwari zum Abendessen bei sich und seiner Familie eingeladen. Seine Frau Tesari gehört ebenfalls zur Kaste der Brahmanen. Das Ehepaar hat einen dreijährigen Sohn, dessen ungewöhnlich grosse schwarze Augen mich mit intelligentem Blick musterten. Kesari hatte ein köstliches Currygericht aus Büffelfleisch und Kartoffeln zubereitet. Mein Beitrag zur Mahlzeit waren einige Flaschen Bier, um den glücklichen Ausgang unseres „kleinen Abenteuers“ zu feiern. Der strikten hinduistischen Tradition folgend assen Shankar und ich , auf Matten am Boden sitzend, allein. Die Ereignisse dieses Nachmittags fanden kaum Erwähnung. Ich schaute auf meine Hände, bedeckt mit Jodsalbe und Pflastern. Sie dienten mir beim Essen gleichzeitig als Löffel, Gabel und Messer. Kurzfristig kam mir der besorgte Gedanke, ob dieser Tag wohl mit einer Jodvergiftung enden würde?

Während sich dies in dem kleinen Holzhäuschen von Shankar und seiner Familie zutrug, hatte die Nacht mit ihren geheimnisvollen Geräuschen sich in die Königin des Dschungels verwandelt. An einem Ort tief im Inneren des Dschungels schlich sich ein Tiger im Schutze der Dunkelheit an eine Gruppe Chital-Rehe heran, die aus einem Tümpel tranken. Wenige Meter von diesen entfernt befanden sich zwei Nashörner, die ebenfalls ihren im Laufe des Tages entwickelten Durst dort stillten. Und neben ihnen, in friedlicher Eintracht, war die zarte Siluette eines Affen auszumachen. Es war der Langure, welcher sich vielleicht noch immer amüsiert an das Spektakel erinnerte, dessen Zeuge er am Nachmittag von seinem Ast aus geworden war.


Übersetzung ins Deutsche : Bettina von Skerst